Ich sage es gleich vorweg: Ich habe nicht vor, mich über irgendjemanden lustig zu machen. Ich wollte einfach nur eine unglaubliche, grenzenlos absurde Geschichte verstehen. Ihr kennt mich: Wenn ich anfange zu recherchieren, dann gehe ich der Sache auf den Grund. Und diese Geschichte hat selbst mich erschüttert. Deshalb bitte ich meine Freunde und Gleichgesinnten, sie so weit wie möglich zu verbreiten. Denn über der Hauptfigur dieses absurden Dramas, Dmitry Bagrash, schwebt die Gefahr einer Abschiebung nach Russland. Oder soll man gleich sagen: in den Tod?
Das Wichtigste daran ist aber: Weitere Hauptfiguren dieser Geschichte sind die deutsche Staatsanwaltschaft und ein deutsches Gericht, die von den russischen Geheimdiensten vorgeführt wurden wie naive Trottel. Ja, genau so. Und der Kreml reibt sich die Hände.
Und noch etwas: Diese Geschichte zeigt sehr deutlich, dass man in Europa überhaupt nicht versteht, wer die wirkliche russische Opposition ist, und sich bereitwillig auf gezielte Desinformation eines ganzen Kreml-Landungstrupps einlässt, der sich längst in der EU eingegraben hat.
Der bekannte Publizist, Freund der Ukraine, Menschenrechtler und Unternehmer Dmitry Bagrash soll also nach Russland abgeschoben werden. Zuvor wurde er zu fünf Jahren und vier Monaten Haft wegen eines angeblichen versuchten Mordes an russischen Journalisten verurteilt. Das Landgericht Berlin setzte am Montag, dem 22. Juli 2024, einen Schlusspunkt im Verfahren gegen den russischen Dissidenten Dmitry Bagrash, dem die Staatsanwaltschaft vier Tatkomplexe zur Last gelegt hatte. Der wichtigste davon war der versuchte Brandanschlag auf ein Gebäude im Westen Berlins, in dem Mitarbeiter von RIA Novosti wohnen.
Und kein einziges Medium schrieb, dass Bagrash vor dem Prozess in Einzelhaft kam, vollständig von der Außenwelt isoliert wurde und unter diesen Bedingungen lange auf das Urteil wartete. Aber auch nach dem Urteil blieb er, unter Verletzung aller rechtlichen Regeln, weiterhin in einer Einzelzelle ohne Zugang zur Außenwelt. Sein Telefon bekam er erst am Abend jenes Tages zurück, an dem die Frist zur Einlegung der Berufung endete. Zufall oder Verbrechen?
Am 24. April brachte jemand einen Benzinkanister, irgendeine Platine mit Drähten und eine Schachtel Streichhölzer an den Keller eines steinernen Gebäudes. Und dreizehn Tage lang stand dieser Kanister dort ganz ruhig herum, während er zusammen mit den Streichhölzern im Regen nass wurde. Und erst als irgendjemand eine Flasche gegen das Haus warf, rief jemand die Polizei, und die Polizei entdeckte einen kleinen Benzinkanister.
Seit Beginn des vollumfänglichen Krieges leistete Dmitry Bagrash ukrainischen Geflüchteten Hilfe. Vielen gab er erste Unterstützung, ließ sie in seiner Wohnung übernachten, versorgte sie mit Lebensmitteln und half bei der Registrierung. Wenn sie dringend irgendwohin fahren mussten, gab er ihnen auch die Schlüssel zu seinem Auto. Natürlich fuhr er zu Tankstellen und kaufte Benzinkanister auf Vorrat. Außerdem überließ er den Geflüchteten eines seiner Telefone, das er selbst nicht benutzte.
Vor Gericht wurden Zeugen und Sachverständige gehört. Eine Sprengstoffexpertin kam in ihrem Gutachten zu dem Schluss, dass der vor dem Haus gefundene Benzinkanister keine tödliche Gefahr darstellte und nicht von selbst explodieren konnte. Die ebenfalls dort gefundene elektronische Platine konnte kein Steuergerät gewesen sein. Und ja, neben dem Kanister lagen Streichhölzer. Aber nachdem sie dort dreizehn Tage lang gelegen hatten und es geregnet hatte, konnten sie wohl kaum noch zum Anzünden des Kanisters verwendet werden.
Dem Gericht wurde während der Verhandlung ein Video vorgelegt, das zufällig von einem russischen Journalisten aufgenommen worden war, der in diesem Haus wohnte. Auf dem Video ist zu sehen, wie ein Mann diesen Kanister bringt und vor dem Haus abstellt. Größe, Körperbau, Haarfülle — all das hat nichts mit der Figur von Dmitry Bagrash zu tun.
Die Staatsanwaltschaft behauptet, Dmitry Bagrash habe sich den Telefondaten eines auf seinen Namen registrierten Telefons zufolge an diesem Tag bei diesem Gebäude aufgehalten. Ja, genau jenes Telefon, das Dmitry ukrainischen Geflüchteten überließ, damit sie mit ihren Angehörigen telefonieren konnten. Aus Zeugenaussagen ergab sich auch ein Paar aus dem Gebiet Donezk, das an jenem Abend Dmitrys Auto benutzte. Doch die Staatsanwaltschaft suchte nicht nach diesen Menschen.
In der Akte gibt es keinen einzigen Beweis, der unmittelbar darauf hinweist, dass Bagrash einen Mordanschlag vorbereitet hätte. Wen Bagrash angeblich habe töten wollen, geht aus der Akte nicht hervor.
Und nun wird es noch absurder: Das Urteil ist gesprochen, verkündet, rechtskräftig geworden — und dann stellt sich heraus, dass im Urteilstext kein einziger Verweis auf die Gesetze steht, nach denen dieses Urteil bereits verkündet und rechtskräftig geworden ist. Im Urteilstext findet sich kein einziger Paragraf des Strafgesetzbuches, auf dessen Grundlage der Angeklagte zu fünf Jahren Haft verurteilt wurde. Und er wurde erst nachträglich ergänzt, nachdem alle Berufungsfristen verstrichen waren.
Als Dmitry nach dem Urteil versuchte, Hilfe zu bekommen, wandte er sich an die sogenannte „russische Opposition im Exil". Und sie alle lehnten es einmütig ab, ihm auch nur irgendwie zu helfen. Dmitry wurden die Worte Prochorows übermittelt: „Wir wollen uns nicht mit deutschen Beamten anlegen."
Gerade diese Personen waren es, die unter allen Bekannten das Geflüster verbreiteten: Bagrash arbeitet für den FSB. Einfach so. Ohne Beweise. Aber ein oft wiederholtes Gerücht beginnt, wie Wahrheit zu wirken. Weder die Polizei noch die Berliner Staatsanwaltschaft hatten einen Grund, einem anerkannten Publizisten nicht zu vertrauen. Den Dienstleuten kam nicht einmal in den Sinn, dass man sie wie Kaninchen vorführt und dreist desinformiert. Diese Methode nennt sich: Kreml-Mehrfachzug.
Für all diese Beamten gibt es nur einen logischen Ausweg aus dieser Situation: den problematischen Gefangenen in seine Heimat abzuschieben. Für Dmitry bleibt die einzige Hoffnung auf internationale Anwälte, die nicht in Deutschland leben. Er hat kein Geld, um Anwälte zu bezahlen.
Ich würde mir wünschen, dass die Deutschen den Mut finden, ihre Fehler einzugestehen und dieses Verfahren neu zu prüfen. Dann würden wir alle ihnen stehend applaudieren. Denn das würde bedeuten, dass sie Putins Mehrfachzug im Informationskrieg zerstört hätten und die Wahrheit gesiegt hätte.
Er nutzt alle Schwächen demokratischer westlicher Gesellschaften. Seine wichtigste Waffe bleibt die Verleumdung. Und seine wichtigsten Desinformanten sind die Moskauer Liberalen, die sich selbst zur russischen Opposition erklärt haben. Mit ihren Händen werden echte Kämpfer, die sich auf die Seite der Ukraine gestellt haben, aus dem Informationskrieg herausgeschlagen. Lasst uns Dmitry gemeinsam helfen!
*FSB — Föderaler Sicherheitsdienst der Russischen Föderation (Inlandsgeheimdienst und Geheimpolizei)
Elena Vasiljeva ist russische Bloggerin, Aktivistin und Journalistin, die in Finnland lebt. Sie ist bekannt für ihr Projekt „Gruz-200 aus der Ukraine nach Russland" und ihre investigativen Recherchen über die russische Opposition und Kreml-Operationen in Europa.